sZeneMene

Kinder- und Jugendtheater Schönkirchen

Andrea Oberheiden-Brent
  • Magistra Artium (M.A.) in Neuerer deutscher Literatur- und Medienwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte 
    [in Kiel, Hamburg, Berlin, Potsdam]
     

  • REGIE, Movie School, München
  • PERFORMING ARTS, Phoenix University (USA)
  • SHAKESPEARE CREATES MODERNITY AND MODERNITY CREATES SHAKESPEARE, Harvard University Extension School, Cambridge (USA)
  • SCHAUSPIEL-WORKSHOP, Schaubühne, Berlin
  • INTRODUCTION TO ACTING & PERFORMANCE, Center of Excellence, Manchester (England)
  • THEATERPÄDAGOGISCHE GRUNDBILDUNG, Dell'arte, Verein zur Förderung der Spiel- und Theaterpädagogik e.V. Hamburg & KulturAkademie Segeberg im Verein für Jugend und Kulturarbeit im Kreis Segeberg e.V. (VJKA), anerkannt durch den Bundesverband Theaterpädagogik (BuT)

 

  • NATUR- UND UMWELTPÄDAGOGIK, Studiengemeinschaft Darmstadt
  • FOREST SCHOOLING, Center of Excellence, Manchester (England)
  • KURSLEITUNG FÜR WALDBADEN, STILLE & NATURTHERAPIE, Christian Arzberger, Leipzig, anerkannt vom Bundesverband Waldbaden e.V.
Wer bin ich ...
 

... und wenn ja, wie viele?, könnte man in Anlehnung an den Philosophen Richard David Precht fragen. Und diese Frage ist gerade im Theater nicht ganz unberechtigt, denn wo, wenn nicht dort, schlüpft der Mensch in ganz unterschiedliche Rollen?


Ich bin im kleinen Dorf namens Hof-Schönhorst aufgewachsen, das genau genommen nicht einmal ein Dorf, sondern lediglich eine Nebenstraße mit Verbindungscharakter ist. Solange ich denken kann, begleiten mich die scheinbar so gegensätzlichen Welten Natur und Kultur. Ebenso lange versuche ich, diese beiden Welten miteinander zu verbinden, denn: Die eine Welt brauche ich, und die andere lässt mich nicht los.

 

Nach der Arbeit in einem Tierpark und einer begonnenen Lehre zur Landwirtin habe ich mich dann - über einige schulische Umwege - für ein Studium der Literatur- und Medienwissenschaft, Kunstgeschichte und Philosophie entschieden. Seither arbeite ich freiberuflich als Filmemacherin, bin um die Welt gereist und den unterschiedlichsten Menschen begegnet. An verschiedenen Theatern habe ich als Associate Producer, Regie-, Dramaturgie- und Produktionsassistentin sowie in den Bereichen Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Public Relations gearbeitet.

 

Nach der Geburt meines Sohnes bin ich doch tatsächlich zurück aufs Land gezogen, zurück auf den Hof, auf dem ich aufgewachsen bin. Dann hatte mich das Landleben wieder voll im Griff: Nach einer Weiterbildung habe ich begonnen, als Natur- und Umweltpädagogin zu arbeiten. Meine Filmarbeit lief etwas stiefmütterlich nebenher, aber ich engagierte mich zumindest in einem Kunstverein in Mecklenburg-Vorpommern, der immer wieder auch Kunstprojekte unter Einbindung der lokalen Landbevölkerung realisiert. - Dann erkrankte meine Mutter schwer und starb. Mit ihrem Tod kam die Krise. War es das? Bin das ich? Gehöre ich hierher? Das Theater rief und ich ging. Nicht lange nach meiner Mutter erkrankte mein Vater. Ich kam zurück, übernahm die Pflege, bis auch er starb. Dann kam Corona. Mein US-amerikanischer Mann, der als Kind 19 Mal umziehen musste und nun ausgerechnet dieses kleine Dorf, pardon, diese Nebenstraße mit Verbindungscharakter in Norddeutschland sein Zuhause nennt, leidet an einer unheilbaren Krankheit und verlor in der Coronapandemie den letzten Job, den er in seinem gesundheitlichen Zustand noch ausüben konnte. Wieder Krise. Da waren der Hof, die Tiere und die Kinder, die so gern zu uns kommen. Allerdings darf man auf einem Grundstück in einer baurechtlich im Außenbereich liegenden Nebenstraße mit Verbindungscharakter nicht gewerblich tätig sein. Auch nicht als gemeinnütziger Verein. Klingt komisch? So ist das Landleben. Es spuckt mich immer wieder aus, aber Weggehen ist unnötig, ich komme ja doch zurück. Bei mir kamen die ersten grauen Haare und mit ihnen die Einsicht, dass das Leben zu kurz ist, um es mit Abwarten und Aufschieben zu verbringen. Wer auf dem Lande lebt, packt an. Für Metaphysisches und sokratische Zweifel ist hier kein Platz. Oder doch? Auf jeden Fall war es Zeit für eine gezielte Weiterbildung in der Theaterpädagogik. 

 

Über szenemene oder: theater auf dem land

 

Kultur spielt auf dem Land eine andere Rolle als in der Stadt. Dementsprechend unterscheiden sich die Sehgewohnheiten und Kulturerfahrungen des Publikums. Das macht nichts, solange Kindern trotzdem der Zugang zu einem vielfältigen kulturellen Angebot ermöglicht wird. Das aber setzt zum einen Mobilität voraus, die Landkinder primär in Abhängigkeit zu ihren Eltern haben. Zum anderen gilt es, Berührungsängste mit bestimmten Kulturformen gar nicht erst aufkommen zu lassen. Das ist schwierig, denn das Umfeld prägt. Das lässt sich nur durch frühzeitige Teilhabe und am besten auch durch aktive Mitgestaltung realisieren. 

 

Eine Anekdote:
Ich habe vor Jahren einen überaus engagierten Lehrer in einem "Problemviertel" in Los Angeles interviewt, der mit seinen Shakespeare-Inszenierungen - die er wohlbemerkt mit Grundschulkindern erarbeitet und aufführt - Kinder von der Straße holt. Es sind Kinder, in deren prekären Elternhäusern kein einziges Buch zu finden ist (sicherlich eher eines der kleineren Probleme in diesen Familien). Der mangelnde Zugang der Kinder zu (höherer) Bildung und kultureller Vielfalt hat inmitten der Millionenmetropole Los Angeles natürlich keine geographischen, sondern sozio-ökonomische Gründe. Diese Kinder, die erst durch die Schule Struktur kennenlernten, die engagieren sich nun bis in die frühen Abendstunden hinein in der Theater AG der Schule. Dann stehen sie auf der Bühne und spielen Shakespeare - in der Originalsprache! Nicht "einfach" auswendig gelernt, nein, lebendig, mit Leidenschaft, Musik und Fantasie. Und die Eltern kommen und schauen ihnen stolz zu. Statt mit Drogen zu dealen, studieren die Kinder später an renommierten Universitäten. Natürlich nicht alle, aber sehr, sehr viele. Sie lernen zu träumen, aber auch, dass der Weg zum eigenen Glück angepackt werden muss. Von dem einen mehr und dem anderen weniger. Die, die es geschafft haben, hängen als Vorbilder in Bilderrahmen an den Wänden. Die Kinder arbeiten mit einem Lehrer zusammen, der in ihnen bereits die Fähigkeiten sieht, die sie selbst erst noch in sich entdecken müssen. Hier bereitet Theater auf das Leben vor, denn auch Grundlagen wie Disziplin, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit müssen diese Kinder erst lernen. Aber auch, dass es sich lohnt zu träumen, seine eigenen Talente zu entdecken und sich selbst zu fordern. Die Entwicklung, die diese Kinder machen, wäre ohne das Engagement dieses Lehrers unmöglich.

 

Kinder und Jugendliche sollten sich beim Theaterspielen innerhalb einer Gruppe in einem geschützten Rahmen ausprobieren und ganz neu erfahren können. Es muss nicht zwingend darum gehen, auf ein bestimmtes Ziel hinzuarbeiten, z.B. die Aufführung eines Stücks. Es geht um den (gemeinsamen) Prozess. Im Übrigen kann auch ein schüchternes Kind ausdrucksstark auf einer Bühne stehen. Immer mal wieder wird es durch künstlerische Kooperationspartner spezielle Workshops geben, z.B. aus dem Bereich Clownerie, Choreographie oder Improvisation.

 

Ich freue mich darauf, gerade in einer Zeit, in der wir uns alle irgendwie neu finden und erfinden müssen, gemeinsam mit euch eine Theatergruppe in Schönkirchen aufzubauen. Theater bedeutet Grenzen zu überwinden, sich selbst, andere und Anderes auf neue Weise kennenzulernen, sich inspirieren zu lassen, zu wachsen, zu fühlen und diese Erlebnisse miteinander zu teilen und einander mitzuteilen. Also: Macht mit!

 

Andrea Oberheiden-Brent